Angedacht

Liebe Leserin, lieber Leser:

Vor einiger Zeit haben wir uns einen kleinen Raben aus Keramik gekauft. Ein Deko- Objekt als Zubehör für den Blumenschmuck vor der Haustür. Dieser Rabe gefiel uns gut, weil er ein bisschen frech aussah und freundliche Augen hatte. Er sah irgendwie mutig aus und schaute mit offenem Blick die Menschen an, die an unserer Haustür vorbeigingen. Mit der Zeit hatten wir diesen Raben irgendwie ins Herz geschlossen.Doch dann passierte es: Als ich mit einer großen Kiste in der Hand aus der Tür herausmanövrierte, stieß ich mit dem Fuß gegen die Figur und sie sprang die Stufen herunter und war in Scherben. „Da kann man nix machen, schade zwar, aber passiert ist passiert!“, dachte ich. Und so landeten die Scherben in der Mülltonne. Doch als ich ein paar Stunden später die Mülltonne noch einmal öffnete, schauten mich diese mutig- frechen Rabenaugen immer noch an. Und da merkte ich: Ich konnte ihn nicht da drin lassen, im Müll!
Dann las ich in der Zeitung über die sogenannte „Goldene Spur“ und die „Kintsugi- Technik“. Menschen in Japan haben sie erfunden. Sie nehmen zerbrochene Gefäße und Figuren und setzen sie ganz vorsichtig wieder zusammen, und zwar mit einer speziellen Goldpaste. So sieht man die Bruchstellen deutlich, aber sie sehen auf ihre Weise auch schön aus; sie glitzern golden. So bekommen Vasen, Krüge, aber auch Skulpturen, die zu Bruch gegangen sind, einen ganz neuen Wert.
Der Erfinder der „Goldenen Spur“ hat dazu folgendes gesagt:
„Ich bin gebrochen an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, um wieder ganz zu werden, wieder gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig.“

Und man merkt: es geht dabei nicht wirklich um die Dinge, die geflickt werden können. Es geht um das eigene Leben und um die Risse und Scherben, die da manchmal entstehen. „Vergolde deine Risse“, so ist der Rat. Lerne sie wertzuschätzen als Bestandteile deines Lebens. Umarme deine Trauer und deinen Schmerz und leugne ihn nicht. So kannst du wieder heil werden.“
Uns hat das sehr beeindruckt.
Und so kauften wir uns Goldpaste und haben den Raben wieder geflickt. Jetzt steht er wieder auf seinen dünnen Beinchen und schaut uns dankbar und glücklich an. Fast genauso mutig wie am Anfang. Aber, so ist das Gefühl, er ist auch weiser geworden und erinnert uns jetzt an unsere eigene Zerbrechlichkeit. Seine goldenen Risse sind deutlich zu sehen. Aber das macht ihn nicht hässlicher – nein, es macht ihn eigentlich noch schöner.
Ich persönlich glaube, dass die Advents- und Weihnachtszeit, die wir jetzt bald wieder durchleben, so eine Zeit ist, in der viele Menschen sich ihrer Zerbrechlichkeit wieder bewusster werden. Eine Zeit, wo Brüche im Leben manchmal besonders weh tun: Wenn man an Menschen denken muss, die vielleicht gestorben sind. Oder an einen Streit, der weh getan hat und nicht beigelegt werden konnte. Wenn man sich alleine fühlt oder sich Sorgen macht in den Nächten, die jetzt wieder so lange dunkel sind.
Weihnachten bedeutet nicht, dass Gott uns die Garantie gibt, unverletzt zu brleiben.
Aber er ist bei uns in allem. Er tröstet und hilft uns mit seiner Liebe, flickt uns wie mit Goldpaste, als wenn eine feine goldene Spur unser Leben begleitet – und das Ergebnis ist schöner als zuvor.

Ihre Monika Holthoff! 

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