Angedacht

Hach ja... die Sache mit dem Selbstmitleid!

Hach ja... die Sache mti dem Selbstmitleid!

Hand aufs Herz: Bemitleiden Sie sich manchmal selbst? Eine solche Frage beantworten sicher die wenigsten mit «Ja». Und doch ist Selbstmitleid weit verbreitet, obwohl es das Leben trübe macht und einem die Kraft raubt.
Man hadert mit sich und dem eigenen Schicksal, nörgelt herum an dem, was einem fehlt, jammert und klagt, fühlt sich ungerecht behandelt und kreist ganz wunderbar andauernd um sich selbst.
Hach ja, es tut gut, wenn man dann so richtig schön bedauert wird. Armes Hascherl. Du HAST es aber auch schwer. Heile, heile Gänschen. Wird ja alles wieder gut.Ja, zugegeben: Manchmal tut sowas richtig gut. Wenn man sich so richtig die Wunden lecken kann.
Wer zum Beispiel Liebeskummer hat, der braucht oft eine Weile im Bett mit einer großen Tasse Kakao und den traurigsten Liebesliedern, um sich selbst wieder zu finden.
Und wem wirklich etwas Schlimmes passiert, der muss auch die Zeit zum Trauern und Verarbeiten haben. Manchmal muss man halt seiner Enttäuschung und dem Frust freien Lauf lassen.
Problematisch wird es aber, wenn sich diese Gedanken in meinem Leben wiederholen und verfestigen. Denn dann sind sie wie eine Einbahnstrasse und werden auf lange Sicht zur Sackgasse. Denn dann gefällt man sich auf einmal in der Opferrolle, und das ist gefährlich!

Man könnte sagen: Dauerhaftes Selbstmitleid ist ein Stehen-Bleiben.  Man bedauert oder beklagt sich, anstatt etwas zu tun. So führt Selbstmitleid in Passivität, die zu nichts führt als zu Jammern und dem Ruf nach dem Bedauern der anderen, sozusagen als wohl verdiente Streicheleinheit. Pflegt man solche Gedanken, werden sie zu einer negativen Abwärtsspirale. Die Folgen sind Frust und im schlimmsten Fall Hoffungslosigkeit, ja sogar Depression.

In der Folge raubt Selbstmitleid auch die Lebensenergie: Derjenige, der sich selbst bemitleidet, steckt fest im Blick zurück und in der Vorstellung, dass er das bemitleidenswerte Opfer ist. Er fühlt sich Menschen oder einer Situation ausgeliefert und kommt oft gar nicht mehr auf die Idee, an der Schraube zu drehen, auf die er den grössten Einfluss hat: Nämlich sein Verhalten und seine Einstellung. Stattdessen sieht er die Schuld nur beim anderen.

In der Geschichte von der Heilung des Gelähmten am Teich Betesda begegnet Jesus einem Kranken, der seit 38 Jahren krank auf seiner Matte liegt. Eine furchtbar lange Zeit! Wir wissen nicht genau, warum er dort liegt. Die Vermutung liegt nahe, dass er gelähmt ist und sich nicht bewegen kann. 38 Jahre lang hat er sich in den Krankenhallen von Betesda versorgen lassen. Als Jesus in die Hallen kommt und ihn sieht, macht er es nicht wie andere Kranke. Er ruft nicht nach Heilung. Er schreit nicht wie der Blinde von Jericho und macht nicht auf sich aufmerksam. Er macht – gar nichts.
Bis Jesus zu ihm geht. Jesus spricht ihn an. Er fragt ihn nicht nach seinem Leiden. Er bedauert ihn auch nicht. Er fragt nur eines: „Willst du gesund werden?
Und das einzige, was dem Kranken dazu einfällt, ist nicht etwa: „Ja, nichts lieber als das!“
Sondern er sagt: „Ich habe keinen, der mich zum Wasser trägt und mir hilft.“
Keiner hat mich lieb. Ich habe keinen, der mir hilft.

Ist es das Selbstmitleid, das diesen Kranken in Wirklichkeit lähmt und an die Matte fesselt? Die Resignation? Mutlosigkeit? Das Gefühl: Ich kann sowieso nichts ändern? Vielleicht hat er in den Anfängen manches versucht. Selbst zum Wasser zu kriechen zum Beispiel.
Aber hat er wirklich schon einmal um Hilfe gebeten?
Was hat er getan, um seine Situation zu verbessern?
Wir wissen es nicht.
Was wir aber erfahren ist: Jesus belässt ihn nicht dabei. Er lässt ihm das Selbstmitleid nicht durchgehen.
Er sagt auch nicht: ich mach dich gesund, weil ich so ein Mitleid mit dir habe.
Sondern er sagt: Steh auf, nimm deine Matte und geh!
DAS ist es, was den Kranken gesund macht.
Mir macht das Mut! Und ich finde diese Geschichte, je länger ich über sie in meinem Leben nachgedacht habe, unglaublich ermutigend und aktivierend. Denn aus dieser Geschichte lernen wir, wie Gott für uns Menschen da ist.

Die Bibel verspricht keinem, der mit Gott lebt, ein Leben ohne Enttäuschungen, Ungerechtigkeit oder Leid. Es geht vielmehr um einen anderen Blick auf die Widrigkeiten und um die grundlegenden Zusagen Gottes für jeden Christen. Und diese Zusage heißt: „Ich bin für dich da. Ich gehe mit dir, auch durch schwierigste Zeiten und Situationen. Ich zeige dir einen Weg, aus deinem Leid herauszukommen. DU aber hast dabei auch einen Anteil. Du musst aufstehen, dein Leben in die eigenen Hände nehmen und losgehen. Anders ist eine Heilung nicht möglich.“

Ich glaube, jede und jeder liegt manchmal auf so einer Matte des Selbstmitleids. Wie gesagt, manchmal braucht man das auch. Aber sich auf Dauer im Selbstmitleid zu suhlen, ist nicht gesund. Das ist so, wie wenn man sich in die warme Badewanne legt und sich die Schaumkrone des Leidens aufsetzt. Das ist am Anfang schön warm und kuschelig! Aber auf Dauer wird das Badewasser kalt, und dann gilt es: raus aus der Wanne, neu ins Leben hinein.

Was aber kann man gegen Selbstmitleid tun?

Ich glaube, es bedarf zuerst einer festen Entscheidung, dem Jammern und dem Sich-Beschweren (sei es gegenüber anderen, sei es in Gedanken mit sich allein) ein Ende zu setzen. Und leider gilt auch: Mit einer einzelnen Entscheidung ist es nicht getan. Gedanken von Selbstmitleid werden wiederkommen und dann ist es wichtig, sich erneut wieder davon abzuwenden. Es ist eine Haltung, die einzuüben ist.

Einige Dinge können diese Haltung stärken!

  • Überlegen Sie zum Beispiel, für was Sie dankbar sein können, seien es große oder kleine Dinge. Denken Sie an die Bereiche, die gut sind in Ihrem Leben. Dankbarkeit ist eine hochwirksame Medizin gegen Selbstmitleid.

Hören Sie auf, sich um sich selbst zu drehen. Denn Selbstmitleid heisst auch, sich ständig mit sich selbst (und dem, was mir widerfahren ist) zu befassen. Denken Sie an andere Menschen. Schauen Sie, wo Sie anderen helfen oder sie unterstützen können. Das bringt sie aus der Spirale des Selbstmitleids und aus der Selbstbezogenheit heraus.

  • Klagen Sie Gott Ihren Frust. Sagen Sie ihm, was Sie belastet, aber lassen Sie es dann auch bei ihm. Legen Sie Ihr Schicksal in Gottes Hände. Und dann rappeln Sie sich wieder auf und gehen weiter – so gut es eben geht.

Die Verheißung, die wir durch solch ein Verhalten bekommen, ist groß: Wir werden etwas ändern können – wenn wir es wirklich wollen! Und Gott wird bei uns sein, uns stärken und stützen. Lassen Sie sich das gesagt sein!

Ihre M. Holthoff